Karin Roths Reisebericht

Tempelanlage Swayambhu, Museum Patan und Dushdain-Fest

12. Oktober 2015
An der Whitefield-School finden seit einer Woche Prüfungen in allen Fächern statt. Das passiert viermal im Schuljahr. Die Schüler lernen wahnsinnig viel auswendig. Auch nach einer Prüfung sitzen die Mädchen oft noch Stunden und beten den „erlernten“ Stoff  mantramäßig herunter. Sie kleben so an den Formulierungen, dass  es ihnen sehr schwer fällt, einen Inhalt mit eigenen Worten zu wiederholen. Ich habe es auch so erlebt, dass Schüler schwierige Passagen oft wortgetreu wiederholen, die Pointe aber nicht verstanden haben. Ähnlich habe ich es ja auch in Dehradun erlebt. Produziert wird abhakbares Wissen, das sich am Ende in Prozenten und einem Ranking dokumentieren lässt. Dieses Verfahren findet an allen Schulen statt.

Mir schenkt es freie Tage, die ich mit einer starken Erkältung gefüllt habe. Das Wetter ändert sich in diesen Tagen. Gestern hat es nachmittags stark geregnet und danach war es merklich kühler.

Die Verkehrssituation ist weiter unverändert. Es ist kaum ein Taxi zu bekommen und wenn, nur für den doppelten oder dreifachen Preis. Auch die Busse fahren nur sporadisch und sind unvorstellbar voll.

Dabei stehen die Feiertage noch vor der Türe, wo fast jeder Nepalese zu Hause sein möchte. Ich bin gespannt, wie sich die Situation weiter entwickeln wird. Denn morgen beginnt Dushain, das wichtigste nepalesische Fest. Es dauert 15 Tage und hat verschiedene – in strengen Ritualen festgelegte – Höhepunkte. Kinder bekommen Geschenke, Drachen steigen lassen und Schaukeln stehen hoch im Kurs. Außerdem fließt viel Blut. Es werden – je nach Geldbeutel – Tiere geopfert und das Fleisch gemeinsam mit der Familie gegessen. Ich bin sehr gespannt!

Am vergangenen Samstag habe ich mit Charlotte, einer sehr netten jungen Frau aus Essen, das Kinderheim Possible Nepal besucht. Es war ein endlos langer Weg, in der Sonne beschwerlich zu gehen. An Bus und Taxi war nicht zu kommen. Wir haben es schließlich gefunden, und ich war ganz angetan. Es ist alles – für unsere Vorstellungen – sehr, sehr einfach, aber es war eine warme Atmosphäre. Dort leben zehn Kinder, von sechs bis zwölf Jahren, vier Jungen und sechs Mädchen, entweder aus sehr schwierigen Verhältnissen oder Waisen.

Wenn sich eine Transportmöglichkeit ergibt, werde ich 25 kg Reis, 10 kg Linsen, Öl und Kakaopulver dort hinbringen. Außerdem brauchen sie Betttücher und warme Jacken und Mützen. Damit werde ich einige Zeit beschäftigt sein und dazu auch das Geld benutzen, das mir FreundInnen mitgegeben haben.

Der Samstag endete für mich mit einer mittelgroßen Aufregung. Ich war davon ausgegangen, dass es bis sechs Uhr noch einigermaßen hell ist. Das funktionierte aber nicht richtig. Ich wohne ziemlich weit außerhalb und da ich auch Abkürzungen genommen hatte, erkannte ich plötzlich nicht mehr, wo ich war. Zwei junge Mädchen, mit denen ich mich verständigen konnte, wollten mich durch die Reisfelder schicken, was mir nicht gut gefiel. Ich rief dann den Freund Prakash an, ließ das Mädchen erklären, wo ich mich befand, setzte mich brav in eine Apotheke und wartete auf Abholung. Dabei war ich auf dem richtigen Weg, höchstens 300 m von P. Haus entfernt. Es war ein richtig blödes Gefühl!

19. Oktober 2015
Wieder ist eine Woche ins Land gegangen. Ich habe so viele unterschiedliche Eindrücke aufgenommen, dass es mir schwer fällt, zu sortieren. Zusammen mit der Mutter und den Mädchen haben wir eine lange Wanderung zu der berühmten Tempelanlage Swayambhu – auch Affentempel genannt – gemacht. Die Anlage liegt auf einem Hügel, so dass, wenn der Staub es zulässt, eine gute Sicht über das Kathmandutal möglich ist. Auch dort sind einige Bereiche zerstört, abgestützt oder nicht zugänglich. Aufregend ist die Überwindung von über 300 Stufen, wo viele Affenfamilien auf dem Sprung sind, etwas Essbares zu erwischen.

Am nächsten Tag war ich Begleitung zu einer Bestellung von neuen Röcken für die Schuluniform. Wir sind durch stark zerstörte Straßen gegangen und ich habe so schreckliche Arbeitsplätze in Ställen und Schuppen gesehen, dass mir Wort fehlen, sie zu schildern.

Gestern – am Sonntag – habe ich nach vier Wochen einen ersten Ausflug nach Patan gemacht, nur zehn km entfernt, doch zurzeit – wegen des fehlenden Benzins – kaum erreichbar. Ich habe fürs Vergnügen so viel Geld bezahlt, wie manche Familie wahrscheinlich im Monat nicht zum Leben hat. Das war für mich wichtig, weil ein Koller manchmal nah ist.

Patan ist die älteste Stadt des Kathmandutals, berühmt für seine kulturellen, künstlerischen und handwerklichen Errungenschaften. Auch hier gibt es viele Zerstörungen, die Stadt wirkt viel weniger hektisch und mehr buddhistisch orientiert als Kathmandu. Die hiesige Meinung: Während die Einwohner von Kathmandu nach Macht und Reichtum streben, sind die Bewohner Patans eher an den schönen Dingen des Lebens interessiert – daher vielleicht auch der Zweitname „Lalitpur“ – Stadt der Schönheit.

Die meisten internationalen Hilfsorganisationen sind hier ansässig. Besonders angetan hat es mir ein Besuch im Patan Museum auf dem Gelände des alten Königspalastes. Im Gegensatz zu vielen anderen Museen in Nepal ist es sehr gut eingerichtet und bietet wunderbare Bronze-Skulpturen und unbeschreiblich schöne Holzarbeiten an den Palästen und Kaufmannshäusern.

Ich habe die Zeit sehr genossen, und zurück in Kathmandu hatte mich auch gleich die Realität wieder. Es gibt inzwischen eine Anzahl von Hotels und Restaurants, die geschlossen haben, da es kein Gas gibt.

Oft erlebe ich Situationen, in denen ich mit offenem Mund daneben stehe und versuche, nicht zu werten, sie einfach auf mich wirken zu lassen. Die Familie bekam gestern Abend einen Anruf aus dem Heimatdorf, dass ein Verwandter gestorben ist. Das ganze Dorf scheint miteinander verwoben zu sein. Auch für die Familie hier hat das starke Auswirkungen. Augenblicklich wird in Nepal Dushain gefeiert. Aus dem Heimatdorf ist eine Ziege mit dem Bus über sieben Stunden gebracht worden. Sie sollte hier geopfert und das Fleisch verteilt werden. Jetzt – nach dem Tod – darf aber hier nicht geopfert und nicht gebetet werden – für 13 Tage. Freunde übernehmen den Opfergang, das Fleisch darf aber gegessen werden. Außerdem wollte ich mit den Kindern in den Ferien noch eine andere berühmte Tempelanlage besuchen, das ist jetzt auch nicht möglich. Wenn die Zeit vorbei ist, sind die Ferien vorbei.

Ich nörgele nicht herum. Es ist mir klar, dass ich einen Einblick ins Leben der Menschen hier bekomme, wie es sonst nie möglich wäre. Das ist toll! Es zeigt mir aber auch, wie fest die Tradition viele Menschen im Griff hat. Man kann intellektuell diskutieren, bestimmend sind aber andere Dinge. In den nächsten Tagen werde ich einen Termin mit dem Waisenhaus vereinbaren, um u. a. Lebensmittel dorthin zu schaffen. Die Kinder sind in den Ferien in ihre Heimatdörfer gegangen.

20. Oktober 2015
Heute ist der neunte Tag des Dushain-Festivals, der Opfertag. Seit der Dämmerung, etwa vier Uhr in der Früh, werden rundum in den Häusern Ziegen geschlachtet. In der Literatur ist beschrieben, dass das Blut auf alle möglichen Dinge verteilt wird, um die Dämonen fern zu halten. Das habe ich nicht gesehen. Aber es wird eine Blutsuppe gegessen – alles in einer größeren Gemeinschaft. Auch die Mädchen, die zum großen Teil vegetarisch essen, haben mit Appetit zugegriffen, laufen mit dem Ziegenkopf herum und helfen ihrer Mutter bei der Reinigung des Fleisches. Meine Eingeweide stehen ein bisschen auf Kippe. Es riecht verbrannt und ich bin gespannt, ob ich auch davon etwas essen kann.