Karin Roths Reisebericht

Fliehen oder bleiben?

Kathmandu, 02.10.2015
Seit zehn Tagen bin ich nun in dieser Stadt und es wird Zeit, dass ich aufschreibe, was ich gedacht, gefühlt und gemacht habe. Dass ich mich so spät aufraffe, hat damit zu tun, dass mich Fluchtgedanken ergriffen hatten. Mir war klar, dass kein Urlaub auf mich warten würde. Aber das Ankommen war hart. Der Reihe nach möchte ich über die Stadt, mein Unterkommen und meine Arbeit in der Schule berichten.

Bis jetzt habe ich keinen Überblick über Kathmandu gewinnen können, denn zu den täglichen Schwierigkeiten kommt seit Tagen das Fehlen von Benzin dazu. Kilometerlange Schlangen säumen die Straßen, gestern stand in der Zeitung, dass 75 Prozent des Verkehrs lahm lägen. Das bedeutet, dass ich auch ein wenig gefangen bin, denn eine Taxe zu bekommen, ist kaum möglich. Der Stadtteil, in dem ich wohne, liegt etwa eine Stunde vom Zentrum entfernt. Relativ wenige Häuser wurden dort zerstört, eingefallene Mauern inzwischen wieder hochgezogen, die Menschen leben mit dem Chaos. Vor den eingefallenen Häusern haben viele ihre kleinen Geschäfte wieder eingerichtet – ein Stück Plastikplane, ein bisschen Gemüse oder Krimskrams und fertig ist es.

    
Eine der vielen Stellen der Verwüstung.

Im Bereich der Schule ist die Zerstörung deutlich sichtbarer. Unzählige Ziegelsteine säumen die zerstörten Häuser. In den Trümmern sitzen oft Frauen und klopfen die Ziegel wieder glatt, damit sie wieder verbaut werden können. Der Schulkomplex wird durch vier fünfstöckige Gebäude gebildet, von denen zwei nicht benutzt werden können. Als starke Belastung empfinde ich den ständigen Dunst, der über der Stadt liegt. Viele Menschen laufen mit einer Mund- und Nasenmaske herum. Ich bin gespannt, wie sich die Situation entwickeln wird. Nach Angaben meiner Freunde finden immer noch Nachbeben statt. Ich habe aber nichts gemerkt.

Nun zu etwas Erfreulicherem. Ich hatte mich ja erst kurz vor der Abreise entschlossen, die Einladung meiner Freunde anzunehmen. Ich bewohne ein sehr kleines Zimmer mit daneben liegendem Badezimmer (Hocktoilette, aber auch warme Dusche), bin aber eingebettet in der Familie und das tut mir bei dem Durcheinander um mich herum sehr gut. Die Hausfrau spricht nur sehr wenig englisch, ist sehr lieb und eine wunderbare Mutter. Die Mädchen, zwölf und elf Jahre alt, sind reizend und clever und haben mich zu ihrer Oma erklärt.

rechts: Drei Mitglieder der Gastfamilie, bei der Karin Roth gewohn hat.

Morgens gegen 8.30 Uhr fahren wir mit 16 Kindern in einem verbeulten Van zur Schule. Dort sehen wir uns nicht, es sei denn, ich unterrichte in der Klasse. Abends wird gemeinsam gegessen, sehr einfach, oft lecker. Manchmal gehe ich in der Mittagszeit eine Kleinigkeit essen. Am ersten freien Samstag bin ich mit den Mädchen ins Museum gegangen, dem Königspalast, in dem der letzte König samt Familie vom Bruder des Königs ermordet wurde. Den Ausflug haben wir mit einem Besuch im Dreamgarden, einer östereichischen Gründung, wo ein Nepalese wahrscheinlich nie reinginge, beendet.

     
links: Das Ergebnis einer Unterrichtsstunde: Eine Papierbrücke, die eine Tasse Wasser trägt (Teamwork).
rechts: Schüler bei der Morgen-Assembly

Die Mädchen waren für mich der Grund, mich nach einem Volonteerung umzusehen. Das ist nun ganz anders, als ich es erhofft hatte. Man hat mir oft gesagt, wenn ich von der Schule in Dehradun erzählt habe, würden meine Augen glänzen. Das tun sie jetzt sicher nicht. Diese Schule hat über 1.000 Schüler, sie macht auf mich keinen besonders gut geführten Eindruck. Ich möchte mich aber zurückhalten, denn das Erdbeben hat hier auch seine Spuren hinterlassen. Viele Schüler sind sehr unruhig, die Klassen um 35 sehr groß und es fehlt ein guter Geist. Zu unterrichten fällt mir extrem schwer, denn die Schüler sind Dialoge nicht gewöhnt. Sie antworten im Chor, sind wenig konzentriert. Ich kenne aber auch ihre Vorgeschichte nicht. Bis jetzt habe ich 19 Wochenstunden in Klasse 4-9 immer im Block von zwei Stunden unterrichtet.

Abends liege ich oft um 8.30 Uhr im Bett, schlafe aber schlecht. Diese Unterrichtsperiode geht Dienstag zu Ende. Mittwoch beginnen die Halbjahresprüfungen, danach wird 14 Tage Dusain, das größte nepalesische Festival gefeiert. Ich habe also Zeit, für mich zu klären, was ich will. Ich wollte wissen, welche Schule Pratikshya und Pratistha besuchen. Davon habe ich einen Eindruck bekommen.

Von einer Freundin aus Südafrika hatte ich die Adresse von einem kleinen Kinderheim mit zehn Kindern bekommen und habe mich am vergangenen Mittwoch mit dem Leiter dieses Hauses getroffen. Er machte einen guten Eindruck, und ich werde mir das Haus auf jeden Fall ansehen, bevor ich aktiv werde. Morgen habe ich mich mit Charlotte aus Essen verabredet. Sie macht hier ein dreimonatiges Volonteering. Ich kenne sie noch nicht persönlich, freue mich aber auf ein gemeinsames Essen.

Familien- und Geschäftsleben auf der Straße.

Eigentlich hatte ich die freie Zeit für eine Rundreise vorgesehen. Wenn sich die Benzinblockade nicht in den nächsten Tagen auflöst, werde ich mir das wohl verkneifen müssen. Auch ein Besuch in Gorkha, wohin unsere Spenden gingen, scheint z. Zt. kaum möglich, denn Tausende Nepalis wollen die Feiertage zu Hause verbingen. Es fahren nur vereinzelt Busse, die so überladen sind, dass man um sein Leben fürchten muss. Irgendeine Lösung wird sich finden.


Ein Einheimischer bei Baumwolleschlagen für Winterdecken.

Über das Wetter habe ich noch nicht gesprochen. Tagsüber sind es bis zu 30 Grad, mein Regenschirm funktioniert auch als Sonnenschirm. Ab 16 Uhr ist es angenehm, aber um 18 Uhr wird es dunkel. Dann ist man gut beraten im Hause zu sein, denn die Wege sind halsbrecherisch. In der Nacht hat es ein paarmal geregnet, der Monsun ist aber vorbei.

Ich hoffe, ich konnte einen Eindruck von Kathmandu vermitteln. Ziemlich viel Grau und Dunstiges war dabei, aber eine gute Eigenschaft von mir ist, Gott sei Dank, dass ich meist schnell wieder etwas finde, was mir Freude macht.

Für heute herzliche Grüße,
Karin (Roth)