Herbert Schmidts Reisetagebuch

Teil 1: Im Land des Amazonas

Die Iguazú-Wasserfälle am Dreiländer-Eck Argentinien/Brasilien/Paraguay.

Habe wieder viele Wochen in die Reisevorbereitung investiert, aber am Vorabend des Abflugtermins wird es doch wieder spät, bis alles gepackt ist. Schlimmer noch, am nächsten Morgen, am 7.10., muss ich trotz eingeplanter 1 1/2 Stunden zum Bus rennen, um meinen Zug von Bochum nach Frankfurt nicht zu verpassen. Aber letztendlich klappt alles wie geplant. Bin rechtzeitig am Frankfurter Flughafen, wo die große Reise ihren Lauf nimmt. Der Condor-Service ist bescheiden, aber zum Minipreis von 381 € für ca. 8.000 km erwarte ich nicht mehr. Höhepunkt des Fluges ist die freie Sicht auf die Straße von Gibraltar aus zehn km Höhe, so wie sie in den Atlanten abgebildet ist. Nach mehr als zehn Stunden Flug bin ich in Recife schon am Ziel. Zur gebuchten Unterkunft im nahen Olinda geht´s nur per Taxi über eine Stunde Fahrt im Berufsverkehr. Bin der einzige Gast im Hause, müde vom langen Flug und beschließe bei einem Bier den Anreisetag.  

Olinda besteht nur aus historischen Gebäuden und  wäre eine Perle, wenn selbige restauriert wären. Da das nur für ca. zehn Prozent des Bestandes zutrifft, lohnt sich der Besuch für mich nicht, zumal ich das Weltkulturerbe von Ouro Preto in drei Wochen besuchen werde.

Nach drei Tagen rolle ich weiter. Eine 2.000 km Busfahrt über 37 Stunden nach Belem kann ich nur heil überstehen, weil die Busse in Südamerika viel komfortabler sind als bei uns. Bahnlinien für den Personenverkehr gib es so gut wie keine und somit wickelt man den Fernverkehr mit Bussen ab, die mit drei Klassen ausgestattet sind. Belem ist der Ausgangspunkt für fünf-tägige Schiffsreisen auf dem Amazonas nach Manaus. Gegen 85 Real (28 €) bekommt man einen Hängemattenplatz mit Gratislärm durch Musik aus verschiedenen Lautsprechern und bisweilen durch Kindergeschrei und allerlei Unruhe, wobei man seine eigene Hängematte mitbringen muss. Glücklicherweise habe ich zum dreifachen Preis einen Kabinenplatz mit eigenem Bad und Klimaanlage gebucht, ein wahres Refugium. Verpflegung wird im Schiffsrestaurant angeboten, aber die kann man nur als kulinarische Exerzitien bezeichnen.

Zu sehen gibt´s nicht viel. Der Fluss ist so breit wie ein See, hin und wieder sieht man Frachtschiffe, auch Hochseeschiffe, und an den Ufern tauchen häufig Siedlungen auf. Für Unterhaltung müssen die Passagiere selber sorgen, was ganz gut klappt, da ich unterwegs immer interessante Leute treffe. Dennoch bin ich froh, als am 20. Oktober um 5 Uhr endlich Manaus erreicht wird. Dort bieten etliche Agenturen Kurzreisen in die "Grüne Hölle" an. Ich hatte das schon von zu Hause aus eingefädelt, und so geht es dann gleich weiter zu einem Dschungelcamp am Juma, einem Nebenfluss des Amazonas´, ca. 100 km südl. von Manaus. Inzwischen ist es schwül-heiss geworden, und da springt man gerne mal zur Erfrischung ins Wasser ohne zu wissen, dass es hier von Piranhas nur so wimmelt, was sich bei unseren späteren Angelversuchen herausstellt. Sie tun uns nichts, solange wir keine offenen Wunden haben. Sechs Tage bleibe ich in der Wildnis, die gar nicht so wild ist, da immer wieder menschliche Behausungen auftauchen. Aber ich lerne doch eine Menge über Fauna und Flora dank kompetenter Führer, u. a. auch über die Bedeutung des Kautschuks für Brasilien. Der Latexsaft ist ganz einfach durch Anzapfen des Gummibaumes zu gewinnen, und noch einfacher ist es, ein Kondom daraus herzustellen. Nach sechs Tagen bin ich wieder in der Drei-Millionenstadt Manaus mit riesigen Industrieansiedlungen, wo ich meine Route ändere. Es gibt billige Flüge zur Hauptstadt Brasilia, wovon ich gerne Gebrauch mache anstatt 1 1/2 Tage auf dem Amazonas zurück nach Santarem zu schippern und dann noch zwei Tage im Bus zu sitzen. Brasilia hatte ich bereits 1975 besucht. Die Stadt hat heute fast drei Mio. Einwohner.

Interessant ist nur das Regierungsviertel, wo der Stararchitekt Oscar Niemeyer (1907 - 2012) seine Spuren hinterlassen hat. So folgt nach kurzem Aufenthalt eine lange Busfahrt nach Belo Horizonte und dann gleich weiter bis Ouro Preto (kostbares Gold). Der gesamte Ort ist zum Weltkulturerbe erklärt worden, weshalb es nur restaurierte historische Gebäude gibt, von denen die vielen Kirchen eine wahre Pracht sind. Es werden zwar noch weiterhin Gold und Edelsteine gewonnen, aber heute ist es der Tourismus, der das Rückgrat der Wirtschaft bildet. So mangelt es nicht an Unterkünften, Restaurants und Schmuckgeschäften, die zum Einkaufen geradezu verführen wegen der vielen Juwelen zu günstigen Preisen.

Nach drei Tagen mache ich mich am 3. November auf den Weg nach Rio de Janeiro, denn Rio ist ein Muss bei  jeder Brasilienreise. Kann die Stadt per Tagesbusfahrt erreichen und bekomme schon im Busbf. ein Quartier im zentralen Stadtteil Gloria vermittelt. Die nächsten beiden Tage sind ausgefüllt mit Fahrten auf den Zuckerhut und den Corcovado mit der Christus-Statue. Die Besucherzahlen halten sich in Grenzen, sodass keine langen Wartezeiten bei den entsprechenden Verkehrsmitteln in Kauf zu nehmen sind.

Eine nächtliche Busfahrt nach Curitiba lässt sich nicht vermeiden; aber der Bus ist mit bequemen Liegesitzen ausgestattet, die den Schrecken einer Nachtfahrt deutlich abmildern. Curitiba steuere ich nur an wegen der Bahnfahrt nach Morretes in historischen Waggons. Die Strecke ist vor mehr als 100 Jahren angelegt worden und eine wahre Meisterleistung, da ein Gebirge zu überwinden ist.

Inzwischen schreiben wir schon den 9. November und die letzte Etappe meiner Brasilienreise steht an. Die geht von Curitiba nach Foz do Iguaçu, wobei man die 650 km von 8 bis18 Uhr zurücklegen kann. In Foz gibt es ausreichend Unterkünfte. Die großen Wasserfälle liegen im Dreiländereck von Brasilien, Argentinien und Paraguay. In Paraguay kann man neben der Landeswährung auch US-$ ziehen, wovon ich reichlich Gebrauch mache. In Argentinien liegt der offizielle $-Kurs bei 7 Pesos, der inoffizielle bei 12,5. Außerdem muss ich meine anvisierte Kreuzfahrt in die Antarktis in US-$ bezahlen, in sehr vielen. Da ich mir die Fälle  von der argentinischen Seite ansehen will, verlasse ich am 12. November Brasilien und verbringe den folgenden Tag an den Cataratas, die sich über mehrere km erstrecken. Drei Wanderwege hat man angelegt, die ich in ganzer Länge abluufe, um die Wucht der herabstürzenden Wassermassen ganz nah und teilweise feucht zu erleben.

Meine Brasilien-Reise ist zu Ende, und ich verlasse dieses aufstrebende Land mit angenehmen Eindrücken. Es ist sauber in den Städten, auch die Toiletten in öffentlichen Einrichtungen sind es. Restaurants sind durchweg gepflegt, wobei gutes Essen angeboten wird. Es gibt zwar immer noch Rowdys im Straßenverkehr, aber im Großen und Ganzen ist das zu ertragen. Busfahrten sind kein Risiko mehr, da die Fahrer (Fahrerinnen habe ich nie gesehen) sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Es besteht Anschnallpflicht für alle Fahrgäste! Ich fühlte mich stets sicher, egal, wo ich mich aufgehalten habe. Selbstverständlich  habe ich immer Warnhinweise beachtet.
     
Infobox
Einreise:
Kein Visum erforderlich. Offiziell wird bei Rückreise- bzw. Weitreiseticket verlangt, was ich nicht hatte. Konnte dieses Manko durch meine Kreditkarten ausgleichen.
Geld: 1 € = 3 Real
Transport
Flugzeug: Wegen der großen Entfernungen häufig das beste Verkehrsmittel. Ticketpreise günstig
Bahn: nicht existent
Bus: drei Klassen. Komfortabel und preiswert
Schiff: einziges Verkehrsmittel auf dem Amazonas und seiner Nebenflüsse. Eine Zumutung!
Unterkünfte: alle Kategorien allerorten vorhanden
Gefahren und Ärgernisse: Warnungen beachten, dann passiert nichts
Verständigung: Portugiesisch, selten Spanisch, Englisch gar nicht
Kosten: 2700 € + 420 € Anreise