Herbert Schmidts Reisetagebuch

Teil 2: Pinguine, Seelöwen und Wasserfälle

Die Einreise am 12. November ist problemlos und ebenso einfach ist es, eine gute Unterkunft in Busbahnhofsnähe in Puerto Iguacu für 200 bis 250 P. zu erhalten. Habe fortan wenig Schwierigkeiten mit der Verständigung, da man Spanisch spricht, worauf ich vorbereitet bin.  Den folgenden Tag verbringe ich an den Wasserfällen, und am 14. November beginnt um 17 Uhr eine 17-stündige Busreise nach Buenos Aires. Die verliert ihren Schrecken, da der Bus mit 3-er Sitzreihen ausgestattet ist, die nachts in Liegen umfunktioniert werden, sodass man schlafen kann.Verpflegung gibt es auch, und das alles für 675 P (43 Euro). Die 1.200 km-Strecke führt zunächst durch eine hügelige Landschaft, die bald in flaches Land übergeht mit riesigen Feldern und Weiden für Fleischrinder, die hier artgerecht aufwachsen.

Buenos Aires wird am nächsten Tag, dem 15. November, um 10 Uhr erreicht. Der Busbf. befindet sich unweit des Zentrums und bei großer Hitze mache ich mich auf die Socken, um für die nächsten drei Tage eine Bleibe zu finden, was mir auch nach einigem Suchen gelingt. Das Hotel Central Cordoba bietet gegen 380 P (25 Euro) ein Zimmer mit Bad und Frühstück (bescheiden). Buenos Aires ist nicht gerade attraktiv, aber wenn es auf der Reiseroute liegt, sollte man es sich auch ansehen. Dazu kauft man ein 24 h-Ticket für den Hop on - Hop off  Bus, der alle Highlights der Stadt abfährt. Ich habe die Fahrt am Nachmittag des 16. November angetreten und kann somit am 17. noch einmal den Bus benutzen. Zwischendurch hole ich Infos ein über einen Abstecher ins benachbarte Uruguay und über Flüge nach Ushuaia, das 3.000 Straßenkilometer entfernt ist. Für 177 Euro kann ich am  22. November dorthin fliegen. Mit dem Bus wäre ich 50 Stunden lang unterwegs. Keine Frage, dass ich gleich zugreife beim Flieger, auch wenn das Hauptgepäck nur 15 kg schwer sein darf.

Nach Uruguay zu reisen ist kein Problem. Per Schnellfähre geht es über den Rio de la Plata am 18. November bis Colonia und dann weiter mit dem Bus in 2 1/2 Stunden zur Hauptstadt Montevideo durch eine flache und grüne Landschaft. Montevideo ist sauber und gepflegt, aber Spektakuläres hat es nicht zu bieten, weshalb ich nur zwei Tage dort bleibe. Auf dem Rückweg mache ich noch zwei Tage Station in Colonia, dessen historisches Zentrum zum Weltkulturerbe zählt. Durchaus sehenswert!

Am 21. November bin ich wieder zurück in Buenos Aires, wo ich noch eine Nacht im Hotel Central Cordoba verbringe und die Weiterreise vorbereite. Schwere Sachen kommen ins Handgepäck, das nicht gewogen wird. Insgesamt ist mein Gesamtgewicht unverändert, aber die große Reisetasche wiegt nur noch 16,5 kg, was akzeptiert wird. Am Folgetag hebe ich vom nahen Inlandsflughafen um 12 Uhr ab, und nach 3 1/2 Stunden lande ich bereits in Ushuaia, Feuerland. Die Stadt macht einen erstaunlich gepflegten Eindruck. Das Angebot an Unterkünften ist groß, und es werden zahlreiche Touren angeboten, vor allem Last Minute Kreuzfahrten in die Antarktis. War schon bei meiner Reiseplanung auf eine Fahrt am 28. November gestoßen, die ich vorgemerkt hatte. Meine Spekulation geht auf, denn statt 7.000 muss ich nur 4.200 USD (3.360 Euro) hinblättern. Bis zur Abreise bleiben noch ein paar Tage, in denen ich mich in der Stadt und ihrer Umgebung umsehe. 
    
Am 28. November legen wir um 16.30 Uhr ab. Nach einigen Stunden ruhiger Fahrt durch den Beagle Kanal stehen uns zwei raue Tage auf See bevor, denn es geht ca. 1.000 km über die Drake Straße mit Sturm und bewegter See. Der sechste Kontinent ist kreisrund, weist aber eine Halbinsel auf, die nach Südamerika gerichtet ist und durch die Drake Straße vom amerikanischen Kontinent getrennt wird. Während der 2-tägigen Überfahrt rollt und schlingert unser Schiff, die Sea Explorer II, die nur ca. 5.000 BRT aufweist, 122 Gäste aufnehmen kann, die von 74 Besatzungsmitgliedern betreut werden. Teile meine Kabine mit einem Schweizer und einem Israeli. Wir haben viel Platz und genießen den Komfort. Die Passagiere sind eine gemischte Gruppe. 1/3 sind Chinesen, 1/3 sind junge Leute und der Rest zählt zur reifen Generation. Da wir in den ersten beiden Tagen das Schiff nicht verlassen können, werden mehrere Vorträge zur Einstimmung und Information über die Erforschung des 6. Kontinents und seine Fauna angeboten. Aber die Bewegungen des Schiffes machen müde. Nach ca. 30 Min. kämpfe ich mit dem Schlaf. Einige ältere Passagiere schlafen ein und stören durch Schnarchen. Das Schiff wird von Kormoranen begleitet, allesamt fantastische Segler, die jahrelang nie ruhen, denn sie können ihre Hirnhälften separat abschalten und regenerieren. Das Meerwasser, das sie trinken, können sie filtern und somit das Salz ausscheiden.

Am 1. Dezember erreichen wir die South Shetland Islands, wo wir erstmals das Schiff verlassen und entsprechend gespannt sind auf unsere erste Begegnung mit der Antarktis. Dazu benutzen wir Zodiacs. Das sind Schlauchboote, die von Jean Cousteau, dem berühmten französischen Seeforscher, entwickelt worden sind. Fünf Tage lang kreuzen wir entlang der antarktischen Halbinsel und steuern verschiedene Buchten an, wobei es mehrmals täglich per Zodiac durch die fantastische Welt der Eisberge und zu Pinguinkolonien an Land geht. Die Pinguine sehen ganz niedlich aus, aber jetzt, zur Brutzeit, sitzen sie in ihrem eigenen Dreck und stinken fürchterlich. Putzig sind sie nur, wenn sie sauber dem Meerwasser entsteigen. Wir sichten auch Wale und besuchen Seelöwen- und Seeelefantenkolonien und können kaum begreifen, dass diese unwirtliche Gegend ihnen einen Lebensraum bietet. Aber z. Zt. ist Sommer, es wird nicht mehr dunkel, und es kreucht und fleucht allerorten. Kommt dann der Winter mit der Polarnacht und unvorstellbar tiefen Temperaturen, erstarrt alles Leben und die Eisfläche der Antarktis verdoppelt sich, denn das Meerwasser gefriert bereits bei -2° C. Schnell, viel zu schnell vergehen die so erlebnisreichen Tage, und es geht wieder zurück über die raue Drake Straße. Als letztes Highlight kommt das von allen Seefahrern so gefürchtete Kap Horn in Sicht, bevor wir in Ushuaia wieder an Land gehen.

Nun ändere ich meine Route und fahre weiter nach Punta Arenas in Chile. Diese Stadt hat mir von allen Städten in Chile am besten gefallen, da sie sehr gepflegt ist und einmalig schöne Parks und Alleen aufweist. Zum Teil hat man die Bäume wie Pilze zurecht gestutzt. Wenn es nur nicht so windig wäre!

Weiter geht´s nach Puerto Natales, Ausgangspunkt für Ausflüge in den Nationalpark Torres del Peine. Hier hat man die Möglichkeit, das bizarre Hochgebirge in Form eines O zu umrunden oder in Form eines W teilweise abzuwandern. Ziehe Letzteres vor, da ich gegen relativ viel Geld in voll eingerichteten Leihzelten schlafen kann, drei Mahlzeiten bekomme und somit nicht viel Gepäck schleppen muss. Von fünf Tagen ist nur der letzte bewölkt und ohne Sicht auf die märchenhafte Formation der Gebirgswelt. Insgesamt ein sehr zu empfehlendes Unternehmen!

Zurück in Argentinien mache ich am 18. Dezember Station in Calafate. Zwei Attraktionen hat dieser Ort zu bieten: 1. das Glaciarium Museum, das alles rund ums Eis zeigt, wie die Entstehung der Gletscher, Wachstums- und Schmelzzonen, Eisfarbe, Erforschung der Gletscher usw. und 2. den riesigen Perito Moreno Gletscher im 20 km entfernten Nationalpark Los Glaciares, der ständig kalbt.

Weiter nordwärts nach El Chalten rolle ich am 21. Dezember, wo man zum Fitzroy Massiv wandern kann. Infolge schlechten Wetters vermeide ich das und begnüge mich mit der Sicht aufs Gebirge. Die Weiterreise über Bariloche nach Mendoza verläuft enttäuschend, da ich zeitweise nachts den Bus benutzen muss und da es Abweichungen von der reizvollen Ruta 40 gibt. Von Mendoza aus bietet sich ein Ausflug zum 6.965 m hohen Aconcagua an, den ich mir nicht entgehen lasse. Interessant ist die Weiterreise nach Santiago de Chile am 30. Dezember, denn es geht über einen mehr als 3.000 m hohen Pass mit fantastischen Ausblicken. Vor ca. 100 Jahren hat man eine Bahnlinie angelegt, die heute nicht mehr benutzt wird. Damals war sie eine unglaubliche Meisterleistung.

Man versäumt nicht viel, wenn man Santiago und das 110 km entfernte Valparaiso nicht besucht, da es nicht viel zu sehen gibt. Ich werde immer gefragt wo es denn gefährlich zugegangen sei und muss an dieser Stelle eine Trolleybusfahrt in Valparaiso erwähnen, die mit einer Beinahekatastrophe endete. Während der Fahrt rieche ich verbrannten Gummi. Nach kurzer Fahrt steigen fast alle Fahrgäste aus - zum Glück, denn infolge eines Kabelbrandes schießen explosionsartig Flammen durch die hinteren Sitze. Eine Minute früher, und es wäre eine Panik ausgebrochen, zumal auch noch die Bremsen versagten.

Am 5. Januar 2015 geht´s wieder zurück nach Santiago und dann mit dem Nachtbus gen Norden über Antofagasta und Calama nach San Pedro de Atacama, einem bescheidenen Ort mit z. T. offenen Straßen und viel Staub. Aber von hier aus fährt man ins Valle de la Luna, zu den Altiplano Seen und zum Nationalpark Los Flamencos, allesamt sehr lohnenswerte Ziele.

Zurück nach Argentinien reise ich am 11. Januar. Vor der Grenze ist der Paso de Jama, 4.700 m und vor meinem Ziel Salta der Lipan Pass, 4.170 m zu überwinden mit jeweils atemberaubenden Aussichten. In Salta wollte ich mit dem Tren a las Nubes (Zug in die Wolken) 4.200 m hoch fahren. Aber jetzt, in der Regenzeit, geht nichts. Also kann ich mir nur das historische Zentrum ansehen und rolle am 14. Januar weiter nach La Quiaca an der bolivianischen Grenze zur nächsten Etappe meiner Amerikareise.

1€=1.25 USD, 1USD = 7 Pesos offiziell, 12,5 Pesos inoffiziell