Studie über Alter und Pflege warnt vor Horrorszenario in 2050
(JBH im Oktober 2007) „Unrealistisch!“ lautete die brüske Kritik, als das ZDF im Januar dieses Jahres seinen Aufsehen erregenden Dreiteiler „2030 – Aufstand der Alten“ ausstrahlte. Aber ganz so unrealistisch scheint der Film doch nicht zu sein. Das geht aus einer neuen Studie des Kieler Fritz-Beske-Instituts für Gesundheits-System-Forschung hervor. Das Institut stellte die demographischen Tatsachen – immer mehr Alte und immer weniger Junge im erwerbsfähigen Alter – gegenüber und rechnete hoch, wie sich bis 2050 die Krankheits- und Pflegekostensituation entwickeln wird.
Die heute 30-Jährigen werden stark belastet
Demnach ist bis zum Jahr 2050 mit einer Verdoppelung der Ausgaben für Krankheitskosten zu rechnen. Die Kosten für die gesetzliche Pflegeversicherung werden sich gar verdreifachen – von 16,4 Milliarden auf 38,3 Milliarden. Der Grund für diese dramatische Entwicklung? Die zwangsläufige Zunahme von altersbedingten Erkrankungen wie Demenz, Krebs, Diabetes und Herz-Kreislauferkrankungen. Und die Rechnung werden die Menschen im erwerbsfähigen Alter zahlen müssen – also die zwischen 20 und 64 –, deren Zahl aber stark abnehmen wird. Vor besonderen Belastungen steht der Studie zufolge die Generation der heute ca. 30-Jährigen. Sie muss nämlich nicht nur die Lasten der geburtenstarken Jahrgänge tragen, sondern auch sehr intensiv für das eigene Alter vorsorgen.
Angehörige fehlen: Netz professioneller Hilfe muss ausgebaut werden
Das Szenario aus den Hochrechnungen berücksichtigt auch die Situation bei Ärzten, Pflegepersonal, Pflegeheimen und den Fortschritten in der Medizin. Da es in Zukunft immer weniger Familienangehörige gibt, die ältere Verwandte pflegen können, muss das Netz der professionellen Hilfe stark ausgebaut werden: War 2000 noch jeder 41ste Deutsche pflegebedürftig, wird es 2050 jeder 16ste (!) sein. Die Zahl der ambulant versorgten Pflegebedürftigen wird sich bis 2050 verdoppeln, und noch stärker steigt die Zahl der stationär versorgten Pflegebedürftigen: von heute 625.000 auf 1,6 Millionen.
Medizinischer Fortschritt – kein Anlass für Optimismus
Hält womöglich der medizinische Fortschritt eine Lösung der Probleme bereit? Hier sind die Forscher des Fritz-Beske-Instituts skeptisch. Sie betonen, dass bei der Kostenauflistung der medizinische Fortschritt – der schlichtweg nicht zuverlässig abgeschätzt werden kann – unberücksichtigt bleiben muss. Hier Kosten zu berechnen, „wäre rein spekulativ“. Es wird aber Folgendes zu bedenken gegeben: „In der Regel […] kostet der medizinische Fortschritt mehr als er spart.“
Große Einschränkungen "im persönlichen Bereich" stehen bevor
„Die unaufhaltsame Veränderung der Altersstruktur in Deutschland wird besonders die künftigen Generationen stark belasten, finanziell und personell“, sagte der renommierte Kieler Gesundheitsexperte Prof. Fritz Beske bei der Vorstellung einer Hochrechnung über die Gesundheits- und Pflegeversorgung bis 2050. Aus seiner Sicht ist es nicht vorstellbar, dass die zukünftigen Anforderungen ohne große Einschränkungen im persönlichen Bereich bewältigt werden können. Er warnt eindringlich davor, die Zukunft fern sein zu lassen und zum Tagesgeschäft überzugehen. Vielmehr sei die Zukunft eine dauerhafte Gestaltungsaufgabe, an der alle gesellschaftlichen Kräfte intensiv arbeiten und konkrete Maßnahmen treffen müssen.
Bevölkerung muss "ehrlich und ohne Umschweife" aufgeklärt werden
„Tun wir dies nicht, kann Wirklichkeit werden, was die 3-teilige Dokufiction des ZDF „2030 – Aufstand der Alten“ […] über die Auswirkungen der Alterung in Deutschland mit düsteren Visionen zum Schicksal alter Menschen beinhaltet hat.“, so Prof. Dr. med. Fritz Beske. Und er unterstreicht, wie damit dem Wissen umgegangen werden muss, dass die gesellschaftliche Alterung fatale Konsequenzen haben kann: „Der Politik kommt heute die unangenehme Aufgabe zu, dies der Bevölkerung ehrlich und ohne Umschweife immer wieder zu sagen. Nur so haben wir die Chance, gemeinsam Lösungen zu finden und die Zukunft solidarisch zu bewältigen.“
Hier zur Homepage des Fritz-Beske-Instituts.
Hier das PDF mit der Zusammenfassung der Studie „Gesundheitsvorsorge 2050“ des Fritz-Beske-Instituts.

