Workshop II: Umzug in ein neues Leben

Ideen und Beispiele für das Wohnen in der zweiten Lebenshälfte
Moderation:
Karl-Heinz Abraham, Vorstandsvorsitzender Wohnungsverein Herne
Referenten:
Wohnen in Gemeinschaft (WiG) e.V., Herne
Albert Landsberger, Geschäftsführer aldo – design in funktion, Bochum
Jürgen Köhne, Architekt, Herne – Magdeburg
Moderator Karl-Heinz Abraham begrüßte 30 Workshop-Teilnehmer, darunter auch den Baudezernenten der Stadt Herne, Jan Terhoeven. Nach einer kurzen Vorstellung der Referenten und ihrer Vorträge führte Karl-Heinz Abraham mit einem prägnanten Impulsvortrag ins Thema Wohnen in der zweiten Lebenshälfte ein.
Wir werden weniger, älter und bunter. Mit diesen Schlagworten riss Karl-Heinz Abraham die demographische Entwicklung an, die in absehbarer Zukunft unsere Gesellschaft dramatisch verändern wird. Wie immer auch die sozialen Bedingungen aussehen, die sich dann einstellen werden: Das Wort „wohnen“ sollte, so Abraham, die Bedeutung beibehalten, die es im Mittelhochdeutschen einst hatte: sich aufhalten, zufrieden sein, Gefallen finden.
Zu einem zeitgemäßen Wohnen gehören zukünftig
- eine gut und dem Alter gemäß ausgestattete Wohnung,
- ein attraktives Wohnumfeld,
- Services/Dienstleistungen,
- Kommunikation/sozialer Kontakt.
Dies muss gewährleistet werden, auch vor dem Hintergrund der aktuellen Trends auf dem Bausektor. Neubaumaßnahmen im Mietwohnbereich sind nämlich in Deutschland stark rückläufig, warum entsprechende Wohnungsanpassungen im Bestand ein zentrales Thema der Zukunft werden.
Um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen, seien bauliche Maßnahmen nur das eine. Etwas ganz anderes sei es, die nötigen sozialen bzw. mentalen Voraussetzungen zu schaffen. Realistisch betrachtet, gibt es für die meisten Menschen in Zukunft nur dann ein „Wohnen“ im genannten Sinn, wenn es mit einer intensiven Gemeinschaftlichkeit einhergehe. Starke gesellschaftliche Trends, mit dem Begriff Individualisierung überschrieben, wirkten hier jedoch in die entgegengesetzte Richtung. Zwar werde Individualisierung mit positiven persönlichen Zielen wie Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung gedanklich verknüpft. Sie erzeuge aber gleichzeitig auch einen Verlust an Sicherheit und Geborgenheit. Die Gemeinschaftlichkeit beim Wohnen sei bei den in der Öffentlichkeit viel diskutierten Wohnmodellen wie Seniorenwohnanlagen, Wohngruppen oder Mehrgenerationenwohnen jedoch vorausgesetzt. Wo man hier die Schwerpunkte der Organisation setzen muss und welche Hürden zu überwinden seien, das könnten die Vertreter des Vereins „Wohnen in Gemeinschaft“ aus erster Hand berichten – womit Karl-Heinz Abraham zum ersten Referat überleitete.
Referat: Günther Proske, 2. Vorsitzender des Vereins Wohnen in Gemeinschaft (WiG)
In der ersten Jahreshälfte 2009 beginnt der Bau des Mehrgenerationenhauses an der Straße des Bohrhammers in Herne-Süd. Mit dem Bau realisiert sich ein Vorhaben, das die Kerngruppe des Vereins im Verlauf der ersten 2000er Jahre fasste. Ab 2005 traf sich die Gruppe regelmäßig, die Gründungsversammlung, aus dem das WiG e.V. hervorging, war am 27. April 2006.
Einfach gesagt lautete damals das Ziel, das Modell der alten, mittlerweile zerfallenen Großfamilie zu kopieren, indem vergleichbare Strukturen an einem Ort gelebt und damit geschaffen werden.
Vorausgegangen seien Gedanken über das Altwerden: Pflegefall werden oder in Einsamkeit die letzten Jahre verbringen, das wollen die WiG-Mitglieder nicht. Vielmehr streben sie an, selbstbestimmt und aktiv im Alter zu bleiben. Die Ziele im Detail sind:
- Erhalt der Selbstbestimmung und der Individualität
- Kontakt, Geselligkeit, Kommunikation, Freizeitgestaltung
- Leben in gemeinschaftlicher Nachbarschaft
- soziale Bindungen zwischen Alt und Jung
- Sicherheit im Alltag
- gegenseitige Hilfe nach Bedarf
- Aufgaben und Aktivitäten
Das alles sollte in Selbstverwaltung sichergestellt werden, im Mehrgenerationen-Wohnen wurde hierfür das geeignete Wohn- und Lebensmodell erkannt. Das WiG soll, so Günther Proske, ein aktives und aktivierendes Zentrum und ein offener Tagestreffpunkt sein. Demnach hat es nichts mit „Ruhestand“ zu tun. Es soll auch allen weiteren Ansprüchen, die aus der Gruppe in Bezug auf Erziehung und Kultur, Bildung und Naturschutz formuliert wurden, Genüge tun.
Nach längerem Suchen sei dann mit dem Wohnungsverein Herne der ideale Bauträger, mit Jürgen Köhne ein kompetenter Architekt und mit dem Flottmannpark der geeignete Baugrund gefunden worden. Der Standort am Flottmannpark zeichnet sich aus durch
- Nähe zur Innenstadt
- Nähe zum Park
- Nähe zum Marienhospital
- Nähe zur U-Bahn
- Nähe zum Forum der Kleinkunst
- Nähe zur Flottmannkneipe
Referent Günther Proske gab dann einen Überblick über die Baupläne. Das Projekt umfasst 2260 Quadratmeter Baufläche, wird 30 bis 35 Mietwohneinheiten und gemeinschaftlich genutzte Einheiten umfassen. Der Grundriss zeigt auch einen großzügigen Innenhof, in dem kleinere Kinder unter Aufsicht spielen können. Und er zeigt den sog. „Zauberwald“, in dem die älteren Kinder spielen können – ohne Aufsicht.
Diskussion mit Peter Pochodzala, 1. Vorsitzender des WiG e.V.
Die anschließende Diskussion zeigte überaus interessierte Teilnehmer, die sehr gezielte Fragen stellten und fundierte Beiträge lieferten. Offensichtlich wird mit einem zentralen Aspekt des gemeinschaftlichen Wohnens, dass nämlich zunächst fremde Menschen zusammenleben (müssen) und wie das organisiert werden kann, ein äußerst sensibles Thema berührt. Auch die Diskussionen im Anschluss an die anderen Vorträge suchten immer wieder dieses Thema. Die größte Aufmerksamkeit erhielt die Frage, wie der Gegensatz überwunden werden kann, der zwischen einem intensiven Zusammenleben, das Voraussetzung für das Gelingen gemeinschaftlicher Wohnprojekte ist, und der Unabhängigkeit und Eigenständigkeit als Mieter liegt.
Einige der ersten Fragen zielten auf die Wohnungsbelegung: In zwei Jahren habe das WiG erst die Hälfte der Wohnungen vermietet. Warum? Pochodzala antwortete humorvoll: Das Problem sei hier das „Mehrgenerationen“ am Wohnen. Geplant sei eine Aufteilung der Wohnungen in Drittel: Ein Drittel junge Familien, ein Drittel Singles und Jüngere und ein Drittel Senioren sollen das WiG bevölkern. Bisher sei der Jüngste der Bewohner jedoch über 50 Jahre. „Wir werben zurzeit verstärkt um die jüngeren Familien. Sie für das Projekt zu gewinnen, ist aber schwierig.“
Die nachfolgenden Fragen zeigten, womit viele der Workshop-Teilnehmer Probleme haben: Sie halten es für schwierig, zu einer Gruppe zu stoßen, die sich über die Jahre ihrer Zusammenarbeit bereits gefestigt hat. Diese Gründer- bzw. Kerngruppe gebe nun Regeln für das gemeinschaftliche Wohnen im Projekt vor. Ist es da nicht schwierig für die Nachzügler, sich derart einzubringen, dass sie – formal und „gruppendynamisch“ – gleichberechtigt an allen Entscheidungsprozessen teilnehmen können? Peter Pochodzala räumte ein, dass dieses Problem sehr wohl bekannt sei. Zunächst wird im WiG versucht, das Problem auszuräumen, indem Arbeitsgruppen einberufen werden, die bestimmte Probleme behandeln. Darüber hinaus gebe es die Vereinssatzung, die für alle gültig sei und die das meiste im WiG regelt. Ergänzend warf Karl-Heinz Abraham ein, dass unabhängig von der Satzung auch die entsprechenden Grundsätze des WEG (Gesetz über das Wohnungseigentum und das Dauerwohnrecht) greifen, wonach z.B. Änderungen an der Hausordnung durch Mehrheitsbeschluss vorgenommen werden können.
Andere Fragen behandelten das Thema Konflikte. Seien die nicht vorprogrammiert, beispielsweise wenn Kinder Lärm machen und die Älteren sich gestört fühlen? Und darüber hinaus: Wer sucht eigentlich die Mitbewohner aus? Gibt es Auswahlkriterien wie Einkommen, Bildung, soziale Unterschiede? Peter Pochodzala sagte, dass es angesichts der vielen Probleme und Problemchen, die beim gemeinsamen Wohnen zwangsläufig auftauchen, nicht zweckmäßig sei, vorab ein riesiges Regelwerk in die Welt zu setzen. Die meisten dieser kleineren Reibungspunkte könnten im täglichen Miteinander geregelt werden. Hinsichtlich der Auswahlkriterien schilderte er den üblichen Gang der Dinge: Die Interessenten würden zu den regelmäßigen Treffen der Gruppe eingeladen. Dort beschnuppere man sich und sehe, ob man zusammen passt. Ansonsten sei extra darauf geachtet worden, dass alle die gleiche Chance haben, ins Wohnprojekt zu kommen, das auch aus diesem Grund als Mietwohn-Projekt konzipiert sei. Ansonsten gebe es im Grunde nur zwei wirklich maßgebliche Kriterien für das Mitwohnen im WiG: Das erste Kriterium ist, dass die Miete bezahlt werden könne. Das zweite Kriterium ist, dass die Vereinssatzung akzeptiert werde. Hier sind auch die Gemeinschaftsaufgaben aufgeführt, die von jedem übernommen werden müssen. Wobei hier die praktische Umsetzung flexibel gehandhabt werde: Im Grunde könnte in jedem Fall eine individuelle Lösung gefunden werden.
Albert Landsberger, Geschäftsführer aldo – design in funktion, Bochum
Albert Landsberger widmete sich in seinem Referat dem Thema „Barrierefreies Wohnen im Bestand“. In diesem Bereich, sagte Albert Landsberger einleitend, habe er aus mehreren Gründen einige Erfahrungen sammeln können. Sein Handwerksbetrieb führt seit seiner Gründung im Jahr 1990 entsprechende Arbeiten an Wohnungen im Bestand durch. Außerdem habe er selbst im Zuge seiner ehrenamtlichen Tätigkeiten für ein Bochumer Seniorennetzwerk mehrere Projekte durchführen können, die sich mit Wohnlösungen für ältere (und gehandicapte) Menschen beschäftigen. Seine Erfahrungen seien in sein Projekt „aldo – design in funktion“ eingeflossen, in dem sich ein Showroom und das Angebot umfassender Beratung vereinen.
Befasst man sich mit dem Thema behindertengerechtes bzw. barrierefreies Wohnen, so entdecke man in den Vorschlägen, die bei Mobiliar oder Baumaßnahmen gemacht werden, nur allzu oft die rein funktionalen Aspekte verwirklicht. Solche Lösungen sind jedoch meist lieblos, was die fürs Wohnen eigentlich zentralen Wünsche hinsichtlich Design und Stil angehe. Dabei zeigten seine Erfahrungen mit den Menschen, die in alten- oder behindertengerechte Wohnungen leben, ganz klar: Funktion ist wichtig – das Gefallen aber auch. Es spiele sogar eine immens wichtige Rolle.
Albert Landsberger stützte sein Referat darauf, mittels einer Serie von Vorher/nachher-Fotos zu zeigen, dass Wohnlösungen – hier: Umbauten von Bestandswohnungen – sehr wohl gleichzeitig zweckmäßig und geschmackvoll sein können.
Er betonte außerdem die Relevanz von vorausschauender Planung und Renovierung, denn so könnten ganz viele Barrieren vermieden werden, die sich später als unüberwindbar darstellen. Wichtig sei, dass man sich – egal ob alt oder jung – mit zwei Fragen beschäftige: Wie möchte ich später leben? Und: Wie kann ich später leben? Daraus ergebe sich bereits ein Maßnahmenkatalog. Schließlich sollte man möglichst früh Vorsorge treffen, wenn es um Barrierefreiheit beim Wohnen im Bestand geht: Denn die entsprechenden baulichen Veränderungen später durchzuführen, ist
• oft unmöglich (weil sich die Notwendigkeit zur Barrierefreiheit oft genug plötzlich ergibt) und
• immer teuer.
Jürgen Köhne, Architekt, Herne – Magdeburg
Architekt Jürgen Köhne gliederte sein Referat in zwei Teile. Zunächst äußerte er einige allgemeine Gedanken und Grundsätze zum Thema Bauen, Wohnen und Modernisieren für ältere und behinderte Menschen. Im zweiten Teil ging er, in Ergänzung zum Referat von Albert Landsberger, der sich auf praktische Beispiele konzentrierte, auf das systematische Erschließen geeigneter Baumaßnahmen für alle Wohnbereiche ein. Hierfür gab Jürgen Köhne eine „Checkliste altengerechtes Wohnen” aus. Da die Checkliste sehr aussagekräftig ist, kann in diesem Protokoll auf dahingehende Ausführungen verzichtet werden. Es beschränkt sich daher im wesentlichen auf Teil I des Referats von Jürgen Köhne.
Ältere und behinderte Menschen haben den verständlichen Wunsch, zu Hause in ihrer vertrauten Umgebung zu leben. Die Wohnung muss daher sicher, praktisch und – angepasst an die individuellen Bedürfnisse – bequem sein. Dies zu erreichen, helfen rechtzeitige Veränderungen, die meist schon mit einfachen Mitteln zu erzielen sind. Die richtige Wohnungsanpassung
• verbessert die Ausstattung und Möblierung,
• leitet notwendige Umbaumaßnahmen ein,
• erhöht mit technischen Hilfsmitteln die Sicherheit und den Komfort,
• erleichtert die Pflege in der Wohnung,
• hilft, ungewollte Umzüge in stationäre Einrichtungen zu vermeiden.
Jürgen Köhne versteht in diesem Kontext „barrierefrei“ als angepasst an zu erwartende Mobilitätseinschränkungen. Planungen von Barrierefreiheit sollten vier Ziele haben:
1. Alle Menschen sollen selbständig so lange wie möglich (grundsätzlich ohne fremde Hilfe) unterwegs sein und gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.
2. Alle Räume in Haus und Garten sollen ohne Erschwernisse zugänglich und nutzbar sein.
3. Wer plant, soll sich das Alltagsleben nicht schwer, sondern leichter (d.h. bedienerfreundlicher) machen. Meist ist alles, was bequem, einfach, ohne viel Kraftaufwand und gefahrlos genutzt werden kann, auch für alle besonderen Lebenslagen gut.
4. Barrierefreies Bauen ist ein Beitrag zur Sturzprophylaxe auch für Gesunde.
Laut Jürgen Köhne ist das Zuhause-wohnen-Bleiben dann möglich, wenn die Wohnung frühzeitig an veränderte Bedürfnisse angepasst wird. Hierbei sollte man
• vorausschauend planen, möglichst in der ersten Lebenshälfte,
• möglichst früh eine Umbauanalyse durchführen,
• anstehende Renovierungen nutzen zur Wohnungsanpassung,
• umbauen und anpassen, bevor der Ernstfall eintritt
• so früh wie möglich umziehen, wenn der Umbau nicht realisierbar ist,
• die Planungs- und Entscheidungsphase partnerschaftlich und mit ausreichend Zeit mit Partner und Familie angehen,
• Gruppenwohnprojekte ausprobieren im Urlaub.
Dabei besteht das „Zuhause“ jedoch nicht nur aus der Wohnung oder dem Haus. Das Quartier und die sozialen Netzwerke gehören auch dazu. Das Thema Barrierefreiheit muss deshalb auf allen Ebenen, also auch auf Ebene staatlicher, landes- und kommunaler Planung, zur Selbstverständlichkeit werden, nur so könne es als Gesamtpaket nachhaltig wirksam werden. Es müsse, so Köhne, eine Doppelstrategie verfolgt werden: Einerseits muss im öffentlichen Raum von vornherein Barrierefreiheit geplant werden. Dazu gehört, Verkehrsflächen und öffentlich zugängliche Bauten entsprechend auszubauen bzw. auszustatten. Sie müssen von vornherein ohne besondere Erschwernis von allen nutzbar sein. Das betrifft nicht nur Geschäfte und Ämter, sondern auch Freizeit- und Kultureinrichtungen sowie Arztpraxen, Krankenhäuser, Sonderwohnformen, Schulen.
Andererseits sei auch der private Raum vorsorglich anzupassen. Der private Wohnbau ist anpassbar zu planen, damit bei Bedarf eine Wohnung mit geringem Kostenaufwand umorganisiert werden könne. Das Ziel sollte heißen: Altengerecht ist der Standard für alle und nicht Ausnahme für eine vermeintliche Randgruppe oder Luxus nach Kassenlage.
