„Wir müssen barrierefrei werden – in unseren Köpfen“

- Hindernisse sind dazu da, aus dem Weg geräumt zu werden: Gründer Rüdiger Peters
Gründer Rüdiger Peters im Interview
ID55: Herr Peters, mit 58 starten Sie „Lebens-t-räume“; ihr zweites Projekt als Selbständiger. Wie reagieren Familie und Freunde?
Peters: Tja, am Anfang hieß es, Mensch Rüdiger, andere in deinem Alter denken an die Rente. Klar, wenn ein Rentner morgens aufsteht, weiß er, was auf seinem Konto ist und was er ausgeben darf. Das habe ich alles nicht. Ich habe viel mehr Risiken. Aber ich mache mir keine großen Gedanken. Ich denke okay, so ist es halt.
ID55: Wann kam Ihnen die Idee für „Lebens-t-räume“?
Peters: Als Arbeitsloser bei einem Praktikum in einem Möbelhaus. Da fiel mir auf, wie unangemessen man dort mit älteren Kunden umging, und ich dachte, für diese spezielle Zielgruppe müsste man ein spezielles Angebot schaffen. Ältere Kunden sind vorsichtiger in ihrer Kaufentscheidung, gehen viel mehr ins Detail, sind anspruchsvoller. Aber die Möbelverkäufer arbeiten auf Provision, und die „Beratungs“-Gespräche sind entsprechend kurz: „Wollen Sie das haben? Nein? Wie wäre es damit – wollen Sie auch nicht? Ja, dann gucken Sie erst mal!“ Und dann geht der Verkäufer zum nächsten. Der Ältere zuckt mit den Schultern – und seine Fragen sind nicht beantwortet.
ID55: Welche Fragen?
Peters: Er fragt sich, ob er noch mit dem Mobiliar zurechtkommt, wenn er 70 ist. Dann hat er mehr Wehwehchen oder vielleicht ein Handicap. Und deshalb will er jetzt, mit 60, wo er fit ist, Sachen kaufen, die er später noch nutzen kann. Oder er ist um die 50 und muss erleben, wie ein Verwandter nach einem Schlaganfall neu anfangen muss. Wo finden diese Kunden einen Verkäufer, der die Probleme versteht und kompetent berät?
ID55: Was antworten Sie also auf die Standard-Frage, warum ich gerade bei Ihnen kaufen soll?
Peters: Erstens, weil Sie – sollten Sie älter sein oder ein Handicap haben – bei mir das geeignete Mobiliar finden. Zweitens, weil ich die Probleme kenne: Ich kann auch bei Tabu-Themen beraten; Inkontinenz beispielsweise. Was ich anbiete, dürften Sie in einem konventionellen Möbelhaus sehr selten finden.
ID55: Zogen diese Argumente bei der Kreditanfrage?
Peters: Kredite? Nein. Die wären zu hoch gewesen: ich hätte eine Hypothek aufnehmen müssen. Das ging aber nicht. Schließlich wollte ich meine Frau behalten … (lacht) Ich habe übrigens auch keine Kredite aufgenommen vor fünf Jahren, als ich mich als Objekteinrichter selbständig machte.
ID55: Warum nicht? Wären sie nicht gewährt worden? Wo haben Sie sich beraten lassen?
Peters: Ich war bei den Gesprächen anwesend, die meine Tochter Kerstin geführt hat, als sie sich vor Jahren selbständig machte. Ihr Berater war ein sehr kompetenter Senior-Coach, der uns sehr geholfen hat. Als ich ihn auf einen Kredit für mich ansprach, fragte er: „Haben Sie Eigentum? Ja? Gut – das ginge“. Als ich dann sagte, ich bräuchte 15.000 €, meinte er: „Herr Peters, 50.000 oder 100.000 € kriegen Sie mit Handkuss. Aber 15.000? Nein“. Meiner Tochter sagte er: „50.000 € kriegen sie eher als 20.000 €“. Kersin hat das gemacht und ist gut damit gefahren. Aber ich, als über 50-Jähriger? Da stemmt man große Kredite nicht mehr. Das hätte mich in die Schulden geritten. Wäre ich auf das Geld angewiesen gewesen, hätte ich mich nicht selbständig gemacht.
ID55: Sie sind bereits selbständiger Objekteinrichter – warum nun das zweite Projekt?
Peters: Eigentlich auch wegen der Kredite. Als Objekteinrichter bin ich Zwischenhändler und muss in Vorkasse treten. Die kann aber schnell Hunderttausende betragen, wenn etwa ein Heim en gros Pflegebetten à 2.000 € ordert. Ich müsste solche Summen über Kredite finanzieren. Dieses Risiko kann ich meiner Familie nicht zumuten. Deshalb wickele ich fast nur kleinere Geschäfte ab, was den Verdienst begrenzt. Auch deshalb „Lebens-t-räume“: Um etwas dazuzuverdienen und die Rente aufzubessern.
ID55: Herr Peters, wie lange wollen Sie noch arbeiten?
Peters: (lacht) Ich mache das noch so zehn Jahre, dann haben sich die Verkäufer von Egemann auf den Job, mit älteren Leuten umzugehen, eingestellt. Dann können die den Laden übernehmen. Ich fühle mich nicht alt – warum also sollte ich nicht weitermachen? Es gibt viele Vorurteile über das Alter, auch in uns. Wir müssen tatsächlich barrierefrei werden – in unseren Köpfen!
