Ende der Schonzeit

160 „Silberfüchse“, sprich ältere Arbeitssuchende, wurden in Beschäftigung gebracht: Das Klever Programm „50fit“ war erfolgreich, wird aber nicht fortgeführt

 

(JBH) Mindestens 200 sollten es sein, immerhin 160 sind es geworden. Nämlich über 49-jährige Arbeitssuchende, die die Wirtschaftsförderung Kleve wieder in den ersten Arbeitsmarkt gebracht hat. Das Programm „50fit – der Arbeitspakt für Silberfüchse“, Laufzeit zwei Jahre, kann also durchaus mit positiven Ergebnissen aufwarten. Dennoch wird es in gleicher Form nicht fortgeführt. Das Warum klingt bei genauerem Hinhören allerdings schon fast perfide: Es sei die derzeit gute Konjunktur, die viele Beschäftigungs-Programme überflüssig mache. Motto: Der Markt wird es schon richten! Fragt sich nur, ob diese Einschätzung stimmt.

 

Clever in Kleve

Vor zwei Jahren war die Lage auf dem Arbeitsmarkt trostlos. Gerade wenn ältere Menschen ihren Job verloren, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie auch langfristig keinen mehr fanden. In Kleve hörten die Wirtschaftförderer vom Bundesprogramm „Perspektive 50plus“, im Sommer 2005 ins Leben gerufen, um möglichst viele ältere Langzeitarbeitslose in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Klever dachten sich die Kampagne „50fit – der Arbeitspakt für Silberfüchse“ aus, um ihren „Kunden“ zu helfen: Im Kreis Kleve gab es seinerzeit ca. 2500 Empfänger des Arbeitslosengeldes II (ALG II), die älter als 50 Jahre waren. Davon wurden 600 in den Bewerberpool aufgenommen, und 200 sollten in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden.

 

Ältere nicht weniger, sondern anders leistungsfähig

Die 50fit-Initiatoren vom Niederrhein erhielten für zwei Kampagnen-Jahre 4,1 Millionen Euro vom Bund und entwickelten, eingerahmt von einem stimmigen Marketingkonzept, drei Förderinstrumente. Ein jedes sah Geld für Unternehmen vor, die einen sog. „Silberfuchs“ einstellen. „Silberfuchs“ ist ein Synonym für die „betroffene Gruppe der älteren Arbeitnehmer/innen und Arbeitsuchenden, das deren Qualitäten in den Mittelpunkt stellt: Klugheit und Lebenserfahrung“, wie es in einer Presseerklärung heißt. Mit dem reinen Job-Vermitteln sollte auch ein Erkennensprozess in den Unternehmen gefördert werden. Sie sollten gewissermaßen in praxi erfahren, dass die Älteren „nicht weniger, sondern anders leistungsfähig sind als Jüngere“.

 

Fördergeld war „Schnupperpreis“

160 über 49-Jährige sind zwischen Oktober 2005 und September 2007 in den ersten Arbeitsmarkt integriert worden, wie es amtlich heißt. In „Wirklichkeit“ haben 160 Menschen und ihre Angehörigen wieder Zugang zu Arbeit, Geld und damit Selbst- und sozialer Achtung. Das ist kein geringer Verdienst des Programms „50fit“. „Schnell begeistert“ sei er vom Programm gewesen, sagt Reinhard Gilleßen. Er ist seit einem Jahr Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung (WFG) des Kreises Kleve und konnte schnell von „50fit“ überzeugt werden. Seine wichtigste Erkenntnis: Die Unternehmen hätten die Kandidaten nicht deshalb fest eingestellt, weil sie Geld mitbrachten. Vielmehr sei das Fördergeld eine Art „Schnupperpreis“ gewesen: Die Unternehmer „testeten“ den älteren Kandidaten, weil er Geld mitbrachte, aber sie stellten ihn ein, weil sie dann erkannten: Er kann was!

 

Falsche Folgerung aus guter Arbeitsmarktsituation

Das Klever Programm soll fortgesetzt werden, weiß WFG-Geschäftsführer Gilleßen. „Aber in veränderter Form. Die Arbeitsmarktsituation ist gegenwärtig so gut, dass größere Förderungen, wie wir sie erhalten haben, als nicht mehr notwendig angesehen werden. Damit wird sich die Unternehmersituation bald wohl schlechter darstellen.“ Heißt im Klartext: Die Fördersummen fallen am 30. September 2007 weg und das Projekt erhält eine neue Basis namens Goodwill. Da sich davon die Unternehmer nichts kaufen können, auch keine guten Erfahrungen mit Arbeitnehmern über 50, ist es sehr fraglich, ob der Erfolg des Klever Projekts fortgeschrieben werden kann. Apropos fraglich. Es ist auch fraglich, ob die gegenwärtige Konjunktur weiterhin so stetig aufwärts strebt wie zuletzt. Das aber muss sie, um den älteren Langzeitarbeitslosen auf lange Sicht aus der Patsche zu helfen.

 

Von Fahrstuhleffekten und Abschwüngen

So sank die Zahl der Langzeitarbeitslosen im ersten Konjunkturjahr 2006 um lediglich 20.000 auf 1,54 Millionen. Bis Ende 2007 sollen dann, so seriöse Schätzungen, schon 300.000 Langzeitarbeitslose eine Anstellung gefunden haben. Das sei jedoch kein Grund für eine Entwarnung, wie Experten mahnen. Denn die meist gering qualifizierten Langzeitarbeitslosen besetzen keine neuen Stellen, sondern nur solche, die zuvor von höher Qualifizierten besetzt waren. Denen bietet die Konjunktur nun die Chance, an Stellen zu gelangen, die ihren eigentlichen Fähigkeiten entsprechen. Dieser „Fahrstuhleffekt“ ist das Resultat einer Wechselwirkung aus Konjunktur und neu geschaffenen Stellen. Und nur bei Verstetigung dieser Wechselwirkung wird sich die Situation auch für Langzeitarbeitslose nachhaltig entspannen. Ansonsten droht beim nächsten Abschwung dieselbe Entwicklung, die schon die Konjunkturzyklen der vergangenen Jahrzehnte kennzeichnete. „Jedes Mal stieg die Zahl der Langzeitarbeitslosen auf ein neues Rekordniveau“, sagt Werner Eichhorst vom IZA (Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit). Aus dieser Perspektive erscheint es kurzsichtig, die Schonzeit für Silberfüchse, wie sie der Arbeitspakt „50fit“ darstellte, jetzt schon aufzuheben. Denn der Markt, wie jeder weiß, ist keine launige, sondern eine launische Diva.

 

 

Mehr Informationen zum Bundesprogramm unter www.perspektive50plus.de.

Alles über das Projekt „50fit – der Arbeitpakt für Silberfüchse“ unter www.50fit.de.