Nie wieder Melissengeist: Innovationen vom "grauen Markt"
Produktdesign für Ältere ist Design für alle. Dienstleistungen und Konsumgüter, die den Bedürfnissen älterer Menschen gerecht werden, erhöhen die Lebensqualität. Und sie sind eine Chance für die Wirtschaft.
Ehrgeizige Berufseinsteiger, Familien mit Kindern, selbstbewusste junge Frauen – in der Werbung sind Menschen vor allem eins: jung. "14 bis 49" heißt die Zielgruppe, die Marketingfachleuten noch immer als die wichtigste gilt. Doch die tatsächlichen Kundinnen und Kunden sind oft andere. Schon heute ist die Kaufkraft der über 50-Jährigen größer als die der jüngeren Konsumentengruppen. Und die demografische Entwicklung sorgt dafür, dass ihr Einfluss weiter steigen wird.
"Es gibt bereits einen Konsummotor Alter", stellt das Wirtschaftsberatungsunternehmen Roland Berger in einer Studie für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fest. Die über 50-Jährigen sind in fast allen Bereichen für etwa die Hälfte der Konsumausgaben verantwortlich – bei Gesundheitsgütern und Reisen sind es sogar über 60 Prozent. Bereiche mit "deutlichem Wachstumspotenzial" sind unter anderem Körperpflege sowie Möbel und Haushaltsgeräte. "Die über 50-Jährigen sind die Zielgruppe der Zukunft", so ein Fazit der Studie.
Schluss mit Defizit
Doch trotz der wachsenden Bedeutung des "grauen Marktes" finden ältere Menschen nicht immer das, was ihren Bedürfnissen entspricht. "Bei den Herstellern fehlt die Einstellung, sich bei Entwicklung und Design auf die Zielgruppe einzulassen", sagt Andreas Reidl, Inhaber der Agentur für Generationenmarketing in Nürnberg.
Ein typisches Beispiel sind technische Produkte. Ob beim Handy, DVD-Player oder beim Auto: Die unüberschaubare Funktionenvielfalt der neuesten Geräte frustriert viele Menschen, aber bei älteren Benutzerinnen und Benutzern ist der Effekt noch stärker. "Da schwingt immer das Gefühl mit: Du bist zu blöd, das zu bedienen. Du hast ein Defizit", sagt Reidl. Ältere wünschen sich Produkte, die sie unterstützen und ihnen neue Möglichkeiten bieten.
Die neue Aufgeschlossenheit
Es sei allerdings nicht sehr clever, die Zielgruppe 50plus in einen Topf zu werfen, betont Reidl. Die konkreten Wünsche richteten sich nach der individuellen Lebenssituation. Nach dem Renteneinstieg seien viele "junge Alte" besonders aktiv und wollten nachholen, was während der Berufstätigkeit nicht möglich war. "Das typische Thema ist dann reisen, reisen, reisen", sagt der Marketingexperte. Ganz anders seien dagegen zum Beispiel die Bedürfnisse von Menschen, die Angehörige pflegen oder selbst gesundheitlich eingeschränkt sind.
Doch Gemeinsamkeiten gibt es auch. Nach wie vor legen ältere Menschen besonders viel Wert auf Familienbeziehungen. Im Gegensatz zu früheren Generationen geben viele ihr Geld aber auch vermehrt für sich selbst aus. Sie möchten sich etwas gönnen – und sind dabei immer aufgeschlossener. "Die Älteren werden immer cooler", sagt Andreas Reidl. Im Vergleich zu vor 20 Jahren habe sich viel geändert: "Wer damals 70 oder 80 war, war durch die Weltkriege geprägt. Die Sparmentalität von damals haben wir heute nicht mehr."
Ein Knopf zum Einschalten, fertig
Manche Hersteller haben beim Produktdesign bereits Konsequenzen gezogen. "Universal Design" heißt die Devise. Dahinter verbirgt sich die Einsicht: Was ganz einfach funktioniert, ist nicht nur seniorengerecht, sondern kommt auch allen anderen Nutzerinnen und Nutzern zugute. Wie die erfolgreiche Kaffeemaschine, die sowohl Genießerinnen und Genießer anspricht als auch besonders leicht zu bedienen ist: Schickes Äußeres, ein Knopf zum Einschalten, einen für die große Tasse und einen für die kleine – fertig.
Die Entdeckung der neuen Zielgruppe beschränkt sich nicht nur auf die Überarbeitung des Produktdesigns. Auch echte Lücken werden geschlossen: So schickt eine Versicherung nach einem Unfall bei Bedarf einen Assistenzdienst für Einkauf und Haushalt. Banken bieten spezielle Finanzdienstleistungen für Erbinnen und Erben. Beide Leistungen sind besonders häufig für über 60-Jährige interessant – und werden sicher auch von Jüngeren dankbar genutzt werden.
Quelle: www.erfahrung-ist-zukunft.de
