"Gegen Mangel im Alter" – Leipzig lockt Silver Ager
Zwar ist der Zeitgeist immer noch vom Jugendwahn besessen, aber so langsam scheint er zu „gesunden“. Dafür sprechen wichtige Indizien. Etwa, wenn die Werbung reife Frauen als Ikonen eines neuen Lebensgefühls abbildet. Oder wenn Wohngesellschaften nicht mit heimeligen Altersheimen werben, sondern Ältere als aktive und mobile Zielgruppe ansprechen. Gibt es nicht? Gibt es doch: Das Beispiel Leipzig zeigt, welche Wege in Zukunft auch das Städte- und Regionalmarketing im Ruhrgebiet einschlagen könnte, wenn es darum geht, einen Bevölkerungszuwachs zu erreichen.
„Leipzig – gegen Mangel im Alter“ ist der Slogan, mit dem die Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft mbH (LWB) in den westdeutschen Städten Frankfurt (bis Mitte Mai), Wuppertal, Remscheid und Duisburg (ab Juni) auf Plakaten, Anzeigen und Flyern warb. Wofür? Für ihre Stadt als attraktiven Wohn- und Lebensort, wie so viele Kampagnen. Nur, dass die Zielgruppe hierbei nicht, wie sonst stets, die Jüngeren bilden – sondern die Älteren! Genau die will das Wohnungsunternehmen zu einem Umzug in die sächsische Messemetropole anregen.
Mobile und aktive Ältere – die ideale Zielgruppe
„Unsere Erfahrung sagt, dass es gerade die über 50-Jährigen sind, die sich neu orientieren wollen, etwa weil die Kinder aus dem Haus sind und kleinere Wohnungen gesucht werden“, erläutert Gregor Hoffmann, Pressesprecher der LWB. „Diese Älteren haben keine Kinder mehr, die bei ihnen wohnen, und oft arbeiten sie auch nicht mehr. Gleichzeitig sind sie sehr mobil und aktiv – eine ideale Zielgruppe!“ Interessanterweise bestätigen die Leipziger hiermit Resultate der LBS-Studie „Wohnsituation, Potentiale und Perspektiven“, über die ID55 an anderer Stelle ausführlich berichtet hat. Den LBS-Ergebnissen zufolge werden zwar die Bevölkerungszahlen im demographischen Wandel abnehmen, die Haushaltszahlen aber bis in die 2020er Jahre ansteigen. Und dieser Zuwachs wiederum ist auf das veränderte Wohnverhalten der über 50-Jährigen zurückzuführen. Stichwort Mobilität: Experten gehen davon aus, dass gegenwärtig aus Deutschland ca. 800.000 Senioren abwandern (bevorzugte Ziele sind Mallorca oder die Türkey) – Tendenz steigend.
Wohnen im Osten ist mehr als "Leerstand und Abriss"
Anlass für die Werbeaktion der Leipziger Wohnungsanbieter war, der „schlechten Presse“ etwas entgegenzuhalten. „Wenn über das Wohnen in Leipzig und allgemein im Osten Deutschlands berichtet wird, dann geht es meist um Leerstand und Abbruch. Aber in den letzten siebzehn Jahren hat sich mit Hilfe des Bundes, aber auch der lokalen Unternehmen unglaublich viel getan“, sagt Gregor Hoffmann. Bester Beweis hierfür ist die erwiesen hohe Lebensqualität in vielen ostdeutschen Städten, insbesondere in Leipzig. Bei den Lebenshaltungskosten ist die sächsische Halbmillionenstadt laut der europaweiten Großstadtanalyse (Mercer Human Resource Consulting) von 2006 die günstigste Großstadt Europas. Im Vergleich der Lebensqualität großer deutscher Städte landete Leipzig im oberen Mittelfeld (meinestadt.de. 2006). Und dem aktuellen IVD-Wohnimmobilienpreisspiegel zufolge liegt der durchschnittliche Mietzins in Leipzig deutlich unter dem westdeutscher Städte.
Signale aus Leipzig für Anschauungswandel
„Niemand geht hier davon aus, dass aufgrund unserer Werbeaktion nun Tausende von Leuten nach Leipzig ziehen“, beschreibt Hoffmann die Erwartungen. Damit relativiert er einige allzu optimistische Aussagen aus dem eigenen Haus, er wendet sich jedoch auch gegen den Tenor der groß aufgemachten WAZ-Berichterstattung vom 5. Mai, die sich mit süffisantem Unterton der Leipziger Aktion widmete. Er führt aus: „Mit unserer Werbeaktion wollen wir die Leute neugierig machen und einladen, sich mit dem Wohnen und Leben in Leipzig zu beschäftigen.“ Ob das gelingt und die Resonanz so groß ist, dass Busse eingesetzt werden, um die Interessenten aus dem Ruhrgebiet nach Leipzig zu bringen, ist einerlei. Sicher aber ist die Leipziger Aktion ein wünschenswertes Signal. Nämlich dafür, den Wandel der Anschauungen zu beschleunigen und in der Generation 50plus eine Zielgruppe mit Potential zu erkennen. Eine Zielgruppe, die Städte und Regionen nicht belastet, sondern bereichert.
Lesen Sie hier eine Reportage im Deutschlandradio über West-Senioren auf ihrer Fahrt nach Leipzig: "Städteduell um mobile Rentner".

