Sie will es noch einmal wissen - Christel Wolf tauschte das Klassenzimmer gegen den Hörsaal

Von der Textilgestaltung zur Psychologie ...


„Der Mensch kann nicht zu neuen Ufern aufbrechen, wenn er nicht den Mut aufbringt, die Alten zu verlassen.“ Klitzeklein hat Christel Wolf (57) dieses Sprüchlein auf die erste Seite ihres Uni-Tagebuchs gekritzelt. Die Realschul-Lehrerin hat die Worte beherzigt. 2006 kehrte sie der Klasse den Rücken und ließ sich beurlauben. Nun konzentriert sie sich nur noch auf das, was sie interessiert: Philosophie, Soziologie und Psychologie. Seit zwei Semestern erfüllt sich Christel Wolf ihren Traum als „Seniorenstudentin“ an der
Universität Dortmund.


„Fehlende Parkplätze, Seminare, die ausfallen oder restlos überfüllt sind“ – die typischen Uni-Erfahrungen bleiben auch Christel Wolf an ihrem ersten Tag als Studentin nicht erspart. Im Tagebuch hält sie die aufregenden Schritte ins neue Leben fest, denn seit drei Semestern durchläuft sie mit rund 50 Mitstreitern das „Weiterbildende Studium für Seniorinnen und Senioren“ in Dortmund. Die Teilnehmer sind zwischen 52 und 72, und alle wollen es noch mal wissen.


Lehrer, Diakone, Banker und Kindergärtner

„Es ist faszinierend aus welchen Bereichen meine Mitstudenten kommen. Da gibt es ehemalige Lehrer, Banker, einen Jugendamtsleiter, eine Kindergärtnerin – allesamt interessante Menschen“. Die sich dasselbe Ziel gesetzt haben: neue Bereiche und Disziplinen kennen lernen. Dass man so nicht der einzige „Grufti“ unter den jungen Kommilitonen ist, hat Christel Wolf beruhigt. Sie schätzt Austausch und Unterstützung der 50plus-Studiengruppe im wöchentlichen Kolloquium. "Am Anfang haben wir hier erstmal Grundlagen gelernt: Wo ist die Bibliothek? Wie halte ich ein Referat? Wie schreibe ich eine Hausarbeit? Außerdem konnten wir Startschwierigkeiten besprechen", erinnert sich die 57-Jährige. Auch gemeinsame Feste - wie ein Neujahrs-Empfang - wurden gefeiert.


Noch ein Titel muss nicht sein

Das Studium Generale in Dortmund fand Christel Wolfs Interesse auch deshalb, weil hier der Inhalt und nicht der Abschluss im Vordergrund steht. „Ein weiteres Diplom brauche ich nicht“, sagt die examinierte Lehrerin im Altersurlaub. Bereits von 1967 bis 1972 hat sie an der Uni studiert und mit dem Staatsexmaen abgeschlossen. Danach war sie über 30 Jahre als Lehrerin aktiv - zuletzt an einer Recklinghäuser Realschule. Dann reifte der Entschluss selbst wieder etwas zu lernen. Statt Textilgestaltung, Englisch und Sozialwissenschaften zu unterrichten, wollte Christel Wolf selbst wieder etwas lernen - über Philosophie und Soziologie. Dinge, für die sie vorher nicht viel Zeit hatte. Glück für sie, dass ihre Schule ihr ein Jahr vor der Pensionierung den vorzeitigen Altersurlaub gewährte und sie sich so in Dortmund einschreiben konnte. "Trotzdem ein mulmiges Gefühl, nach 34 Jahren einfach so auf zu hören. Ich hatte ja Spaß in meinem Job. Aber im Nachhinein war die Uni klar die richtige Wahl!", meint Christel Wolf.


Uni-Alltag in Dortmund

Fünf Semester dauert das Studium mit den Schwerpunkten Soziologie, Psychologie, Theologie und Pädagogik. Christel Wolf entschied sich für Kurse wie „Soziologie der Gewalt“ und „Psychologie und Sport“. Psychologie ist ihr besonders Steckenpferd. Den Seniorstudenten sollen in den rund 5-6 Kursen, die sie jedes Semester belegen auch Kompetenzen für gesellschaftliche Aufgaben vermittelt werden, die sie nach dem Ende des Studiums übernehmen können.

Christel Wolf startet im Oktober ins dritte Semester und kommt mit den „jungen Studis“ mittlerweile gut klar: „Die helfen einem auch – zum Beispiel mit Seminar-Unterlagen zum Downloaden. Man sollte sich nur in Kursen nicht übertrieben in den Vordergrund drängen. Das kommt nicht gut an.“ Das rät sie auch den anderen Senior-Erstis, die sie auf dem Campus trifft. Manche jungen Studenten und Profs sehen die "älteren Semester" eben skeptisch. Sich in die erste Reihe zu setzen, kommt dann komisch an. "Es kommt aber darauf an, wie man sich selbst gibt. Ich hab mich schon mit vielen Kommolitonen ganz prima unterhalten - mit alten und jungen", sagt Christel Wolf.


Ziel: gesellschaftliches Engagement

Das Seniorenstudium kann und soll zu einer wertvollen nachberuflichen Tätigkeit führen - so heißt es in der Zielsetzung des Weiterbildenden Studiums. Das dies funktionieren kann, beweisen Christel Wolf und zwei Mitstudierende schon jetzt. In einem selbst initiierten Paten-Projekt helfen sie jungen Studierenden aus dem Ausland beim Start an der Universität Dortmund. Denn die „alten Hasen“ wissen schließlich am besten, welche Schwierigkeiten es gibt – und wie man sie meistert.


Lesen Sie hier über die Erfahrungen einer "Senior-Studentin" in Christel Wolfs Uni-Tagebuch!

Lesen Sie hier mehr über das Patenschafts-Projekt an der Uni-Dortmund!

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