Whiskymesse in Bochum

Über Geschmack lässt sich vortrefflich streiten. Das verwirrende Geflecht der unterschiedlichen Perspektivwechsel auf ein und dieselbe Sache beginnt als Lernprozess im Kindesalter, wo es im Märchen in dem scheinbar harmlos daherkommenden Gemurmel der bösen Stiefmutter heißt: »Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land? «
Hinter dem Evergreen aus dem Märchenbuch verbergen sich Ideologien, Kulturen, ganze Denksysteme. Wer den Refrain des guten Geschmacks zielgerichtet einzusetzen versteht, kann sich in die Gefilde der Deutungshoheit strecken. Das ist bei den Essensprüfern nicht anders als bei den professionellen Wein- und Whisky-Verkostern, den Musikkritikern nicht anders als bei den Feuilletonpäpsten. Im hellen Spiegel der Freiheit drücken die Kritikerpäpste einer Sache den Stempel auf. Sie sagen, was jemand dachte, als er dachte zu denken, worin die Kanten eines gegebenen Geschmackurteils stecken. Womit wir wieder beim Spieglein wären und die Resettaste für den Neuanfang drücken können.
Das Thema Whisky ist komplex und kompliziert. Das ist weder neu noch überraschend. Es geht um die sinnliche Wahrnehmung eines alkoholischen Getränks, das in seiner Ausdeutung irisch-schottischen Ursprungs ist. Jetzt kann man als Purist sagen, man solle die Kirche im Dorf lassen und nur jene reinen Ausdeutungen des Whiskys auf die Zunge lassen, die diesem Ursprung entsprechen. Dies hieße: Andere Deutungen des Getränks bekämen keine Chance eingeräumt, obschon sie möglicherweise dem Gaumen verführerischer schmeicheln oder ganz einfach besser schmecken und eine bisher unbekannte sinnliche Schönheit an den Tag legen.
Der gegenwärtige Whiskypapst Jim Murray ist für den interkulturellen Dialog bekannt. In seiner aktuellen »Whisky Bible« rückt er den indischen »Amrut Fusion« (97 Punkte) bis auf einen halben Punkt in die Nähe der anbetungswürdigen »Ardberg Uigeadail« und »Ardberg Supernova«. Er vergibt seine Punkte in Anlehnung an die US-Schulbenotung. Die höchste Punktwertung sind in dieser Skala die bisher von Murray noch nicht vergebenen 100 Punkte. Was soviel bedeuten kann: Selbst in Schottland oder Irland ist der perfekte Whisky ist noch nicht hergestellt worden. Daraus lässt sich schließen, entweder geht Murray besonders kritisch mit den Whiskys von der Insel ins Gericht, um sich dort unbeliebt zu machen, oder er sieht in der internationalen Konkurrenz eine Chance für die Verbraucher, ihren Geschmackshorizont zu erweitern. Wäre es so, erfüllte das gefüllte Probenglas die Funktion des analytischen Geschmackbestecks für einen interkulturellen Dialog.
Über Geschmack lässt sich vortrefflich streiten und so wird es wahrscheinlich weiterhin bleiben. Ein wesentlicher Streitpunkt ist der regionale Eigensinn: Können deutsche Brennerei einen Whisky herstellen, der in Murrays »Whisky Bible« mit einer satten Punktzahl geadelt wird? Aktuelles Beispiel, das es geht, ist die »Märkische Spezialitäten Brennerei« in Hagen. Brennmeister Klaus Wurm hat einen Whisky destilliert, von dem Jim Murray vor Ort eine Fassprobe nahm und dem Brennmeister seine Anerkennung für sein gelungenes Destillat aussprach. Mit mindestens 90 Punkten soll dem Vernehmen nach sein Whisky in der »Whisky Bible 2012« vorgestellt werden.
Bereits im März 2011 öffnete die Gesellschaft Harmonie am Bochumer Stadtpark die Türen zur Whisky-Messe „Whisky`n`more“ und bot den Besuchern die Möglichkeit, Geheimnisse der Whiskyherstellung unter die Lupe zu nehmen. Am 10. und 11. März 2012 kehren die Whiskyaussteller zurück und locken den Ruhrgebietler mit umfangreichen Ausstellungen, Live Destillation und Seminaren. Das die beliebte Geschmacksprobe (Tastings) nicht fehlen darf, versteht Sich an solchen Tagen fast von selbst.
Natürlich haben die Messeaussteller ein Repertoire an weltweit hergestellten Whiskys im Angebot. Den Schwerpunkt bilden wie in den beiden Messejahren zuvor die unabhängigen Abfüller, deren raren Getränke nicht im Supermarkt zu finden sind. Spannend ist das vorzufindende Angebot an Whiskys aus »Lost Destilleries«, den geschlossenen Brennereien von der Insel. Wer über Geschmack streiten will, kann also in Bochum den interkulturellen Dialog mit den Whiskys wagen. Bedenkt man, dass im Ruhrgebiet Angehörige aus 171 Nationen leben und irische Grubenarbeiter zu den ersten Zuwanderern im Ruhrgebiet zählten, erkennt vielleicht darin die Vielheit des Getränks im Spieglein des interkulturellen Dialogs.
Mehr Informationen:
http://whiskynmore.de/die-messe/
