Petra Gerster liest im ausverkauften VHS-Saal aus ihrem Buch "Reifeprüfung"
(SuSch) Petra Gersters Buch "Reifeprüfung" über die Frau um 50 als Standardwerk der "Best Ager"-Literatur zu bezeichnen, ist nicht zu hoch gegriffen. Davon zeugte am Dienstagabend der ausverkaufte Saal der VHS in Herne, wo die 55-jährige Journalistin und "heute"-Moderatorin im Rahmen der ID55-Eventwoche "Wenn nicht wir, wer sonst?" für eine Lesung zu Gast war. Was die gebürtige Wormserin, die heute mit Ehemann und Kindern in Mainz zuhause ist, aufschrieb, als sie bei ihrem 50. Geburtstag das mit Blumen vollgestellte Wohnzimmer plötzlich als "Aussegnungshalle" empfand, hat viele Leserinnen bewegt, amüsiert und zugleich ermutigt, das eigene Alter gelassener und humorvoller zu betrachten.
2007 brachte Petra Gerster ihre Betrachtungen auf den Markt und landete einen Bestseller. Als eine der ersten thematisierte die 1955 Geborene das besondere Lebensgefühl der frühen Babyboomer-Generation, ihre Altersgruppe nennt Gerster immer wieder liebevoll "Wir Mädels aus den Fünfzigern". Wenn sie ihre Barbie-Erfahrungen beschreibt, die Sorge um den dicken Po im Minikleid, den Jaffa-Look der Studentenbuden und das tropfende Wachs auf Korb-Chiantiflaschen - da nimmt das zustimmende Nicken im Saale kein Ende. Vielfach geteilt werden auch die politischen Prägungen - mehr sexuelle Freiheit durch die Einführung der Pille, der Kampf um mehr Gleichberechtigung, das Streiten für besseren Umweltschutz oder gegen Kernkraft.
Altern im Scheinwerferlicht
In ihrem Buch gelang Gerster nicht nur eine erste Beschreibung der Gemeinsamkeiten, die Babyboomer-Generation verbinden. Sie war auch eine der ersten wirklich prominenten TV-Frauen, die ihre Hitzewallungen in den Wechseljahren ebenso zum Thema machte wie die Tatsache, dass Frauen um die 50 in der Wahrnehmung von Männern plötzlich so gut wie gar keine Rolle mehr spielen. Im unbarmherzigen Scheinwerferlicht von Fernsehstudios in Würde älter zu werden, das ist eine Herkules-Aufgabe. Und alle, alle schauen zu, ob und wie sie's wohl hinkriegt. Als Gerster 50 wurde, verweigerte sie alle Interviews, denn Fragen wie "Wie fühlen Sie sich mit 50?", "Wie lange wollen Sie noch moderieren?" und "Wann werden Sie sich liften lassen?" mochte Gerster damals einfach nicht beantworten.
Die Älteste der Riege
Heute ist Petra Gerster die Älteste in der Moderatorinnenriege des Fernsehens. Maybritt Illner, Anne Will und Sandra Maischberger sind um die zehn Jahre, Marietta Slomka ist 20 Jahre jünger, von den "Zitronentörtchen" der Privatsender ganz zu schweigen. Ans Aufhören denkt die Gerster deswegen aber noch lange nicht: "Bisher gibt es keine Beschwerden. Solange die Zuschauer zufrieden sind, kann ich weitermachen," sagt sie mit einem augenzwinkernden Blick auf das Durchschnittsalter der ZDF-Zuschauer, das momentan bei 62 Jahren liegt. In den USA bekommen Moderatorenlegenden wie Barbara Walters sogar mit 70 eine eigene Talkshow, davon sind die TV-Mächtigen in Deutschland noch weit entfernt. "Warum soll beim ZDF keine Frau mit 65 noch moderieren?" fragt Gerster fast trotzig in den Saal - und bekommt Szenenapplaus.
Vorbild für das Alter
Die Sympathien des Publikums sind klar auf ihrer Seite. Vorbilder für beispielhaft gelebtes Alter sind rar gesät in Deutschland, ganz besonders bei Frauen. Petra Gerster ist es - vermutlich eher unabsichtlich - gelungen, eine Art Vorbildfunktion zu übernehmen. Dieses Verdienst muss deshalb umso höher bewertet werden. "Petra Gersters Buch hat mir dabei geholfen, meinen 50. Geburtstag zu genießen. Sie hat mir Mut gemacht, ihn so richtig zu feiern - mit Freunden und Familien, mit Trara und Tanz bis in den Morgen. Das war wichtig, denn so habe ich wunderbare Erinnerungen an diesen wichtigen Tag", berichtet eine Zuhörerin am Rande der Veranstaltung, die sie sich schon lange im Terminkalender notiert hatte, um die hochdekorierte Journalistin, die vor vielen Jahren als WDR-Moderatorin in der "Aktuellen Stunde" ihre Karriere begann, endlich einmal von nahem zu sehen und zu hören.
Spontan, fröhlich und vergesslich
Petra Gerster live - das ist schon ein besonderes Erlebnis. Wirkt die schmale Blondine im hochmodernen ZDF-Nachrichtenstudio eher kühl, perfekt und ein wenig unnahbar, so zeigte sie sich als Autorin bei der zu 95 Prozent von Frauen besuchten Lesung ganz anders: spontan, lebhaft, fröhlich, ehrlich und sogar ein bisschen vergesslich. Ganz so wie wir alle, denen rund um die 50 erstmals in wichtigen Situationen Namen und Bezeichnungen entfallen, die wir früher ohne Zögern und zu jeder Tageszeit hätten aus dem Hut zaubern können. Und genau damit las sich Petra Gerster in Herne noch tiefer in die Herzen der Zuhörerinnen, das bewies die lange Reihe vor dem Büchertisch von Elisabeth Röttsches, die im VHS-Foyer die allesamt im renommierten Rowohlt-Verlag erschienen Werke Gersters anbot. Schwungvoll schrieb Petra Gerster den Gruß "Für Sabine" in ein Buch, das sich auf den Weg nach Dortmund machte. Dort wird am 6. Juni ein 50. Geburtstag gefeiert und Petra Gerster wird wieder gebraucht - als Motivatorin für aufgeklärten Spaß an der zweiten Lebenshälfte, die "Reifeprüfung".


